Zu kurz gekommen… – Teil 2


Eine noch weitestgehend unbekannte Band (respektive Künstler/-in) zu entdecken und dann für grandios zu befinden, ist für den Musiknerd eine tolle Sache. Da hat man doch tatsächlich SELBST etwas aufgestöbert, Aufnahmen die scheinbar nur für einen selbst zu existieren scheinen. Ein Album, das einem noch nicht von jedem Musikmagazin oder jedem zweiten hypeaffinen Musiknazi als das „nächste große heiße Ding“ angepriesen wird.

Für die betreffenden Künstler ist die Rolle des Geheimtipps jedoch ein zweischneidiges Schwert, bedeutet sie doch nicht selten ein Leben am finanziellen Minimum (und oft mit ungeliebten Zweit- oder Drittjobs, nur um Geld für neues Equipment, Aufnahmesessions oder Tourauszeiten zu verdienen), schier endlose Ochsentouren durch jedes kleine Kaff oder AJZ und Übernachtungen auf harten Backstagelinoleumböden. Sex, Drugs und Rock and Roll? Nur vom Hörensagen. Die Royal Albert Hall, Madison Square Garden oder Wembley? Träume, Millionen Lichtjahre entfernt.

Doch genau um diese Bands/Künstler soll es in dieser Serie von nun an gehen: scheinbar übersehene kleine Meisterwerke, die zwischen all den Radioheads, Adeles und Metallicas meiner Meinung nach zu kurz gekommen sind. Bisher.  

Jon Brion – Meaningless

„I might not have anything to offer you / I might not have anything to say that’s new / But you’ve gotta start somewhere“ – Wer solche Worte wählt, um in solch ein Album einzusteigen, der muss schon ein Meister des Understatements sein. Aber hey, schließlich handelt es sich hierbei um das bisher einzige Soloalbum von Jon Brion, einem Mann, der sich beim Komponieren von Filmsoundracks (Magnolia, Eternal Sunshine of the Spotless Mind, Punch-Drunk Love, The Future, um nur mal ein paar zu nennen) oder als Produzent von Alben anderer Künstler (Aimee Mann, Fiona Apple, Elliott Smith, Dido, Kanye West…) scheinbar wohler fühlt, als selbst im Rampenlicht zu stehen. Eventuell hat es ja deshalb ganze vier Jahre gedauert, bis Brion sich 2001 dazu durchringen konnte, sein Solodebüt zu veröffentlichen…

Müsste ich es jemandem kurz und knapp beschreiben, so würde ich „die Beatles covern Aimee Mann“ sagen. Den scharfzüngigen Alltagbetrachtungen (man merkt schnell, dass es sich bei „Meaningless“ um ein Trennungsalbum handelt) stehen in Moll getauchte, melodietrunkene Kompositionen gegenüber, wie man sie etwa von den Beatles (ca. ‚Abbey Road‘, ich erwähnte sie ja berets), Elvis Costello & Burt Bacharach oder Elliott Smith (dessen ‚From A Basement On A Hill‘ stellte Jon Brion nach Smiths Tod übrigens fertig, was man definitiv hört) kennt.

Ob nun in Songs wie „Ruin My Day“ („I don’t wait by the phone like I used to / I don’t hope for kind words you might say / You don’t prey on my mind like you used to / But you can still ruin my day“), „Her Ghost“ („Her ghost makes all of this occur / He does it breathlessly / So long as he’s the life in her / He’ll be the death of me“) oder der tollen Ballade „Hook, Line and Sinker“ – in fast allen elf Titeln schwingt das Mantra „Wir können nicht mit-, aber erst recht nicht ohneeinander“ wie ein Damoklesschwert über den Protagonisten. Mal fühlt er sich insgeheim von ihr mit ihrem Ex-Freund verglichen, mal wähnt er die eigene Verflossene als Grund hinter jeder seiner schlechten Launen. Jeder kennt diese Situationen, in denen man sich zwar nichts sehnlicher als einen Neustart wünscht, obwohl das alten Leben noch längst nicht zur Tür heraus ist. Eventuell gehen einem ja deshalb viele von Brions Songs so nahe… Und ich kann euch beruhigen: der Mann hat sich bei den Filmen, die er bisher mit Musik untermalt hat, einiges abgeschaut und auch für sein Soloalbum mit dem Cover von Cheap Tricks „Voices“ einen positiven Abschluss („I fell in love with you again / Please can I see you every day?“) gewählt, der zwar weit entfernt von allem Hollywood-Kitsch ist, aber in seiner Gesamtheit zu „Meaningless“ passt: introspektive Beobachtungen, nah dran am wahren Leben.

Und noch ein kleiner Tipp zum Weiterhören in Amazon-Manier:

„Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“ das dritte Soloalbum von John Lennons Sohn Sean namens „Friendly Fire“ von 2006. Textlich und musikalisch in dieselbe Kerbe schlagend, hat Brion auch hier hörbar mitgewirkt. Als Einstieg ist das fantastische Video zum Opener „Dead Meat“ zu empfehlen…

Rock and Roll.

Ein Gedanke zu „Zu kurz gekommen… – Teil 2

  1. […] welchem Dando unter anderem ein gewisser Jon Brion als Produzent zur Seite stand (und der hat ja bekanntlich ein ausgewiesenes Näschen für Pop mit Gütesiegel), der von sanfter Melancholie, definitiver […]

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