Zu kurz gekommen… – Teil 1


Eine noch weitestgehend unbekannte Band (respektive Künstler/-in) zu entdecken und dann für grandios zu befinden ist für den Musiknerd eine tolle Sache. Da hat man doch tatsächlich SELBST etwas aufgestöbert, Aufnahmen die scheinbar nur für einen selbst zu existieren scheinen. Ein Album, das einem noch nicht von jedem Musikmagazin oder jedem zweiten hypeaffinen Musiknazi als das „nächste große heiße Ding“ angepriesen wird.

Für die betreffenden Künstler ist die Rolle des Geheimtipps jedoch ein zweischneidiges Schwert, bedeutet sie doch nicht selten ein Leben am finanziellen Minimum (und oft mit ungeliebten Zweit- oder Drittjobs, nur um Geld für neues Equipment, Aufnahmesessions oder Tourauszeiten zu verdienen), schier endlose Ochsentouren durch jedes kleine Kaff oder AJZ und Übernachtungen auf harten Backstagelinoleumböden. Sex, Drugs und Rock and Roll? Nur vom Hörensagen. Die Royal Albert Hall, Madison Square Garden oder Wembley? Sind Träume, Millionen Lichtjahre entfernt.

Doch genau um diese Bands/Künstler soll es in dieser Serie von nun an gehen: scheinbar übersehene kleine Meisterwerke, die zwischen all den Radioheads, Adeles und Metallicas meiner Meinung nach zu kurz gekommen sind. Bisher. 

There Will Be Fireworks – There Will Be Fireworks

Mogwai. Frightened Rabbit. We Were Promised Jetpacks. The Xcerts. Malcolm Middleton. The Unwinding Hours. My Latest Novel. – Schottland war und ist, was gitarrenlastigen Indie bzw. Post Rock angeht, ein alles andere als talentarmes Land. Und trotzdem hat sich im Jahr 2010 eine Band, die weder einen Manager noch einen Booking Agent geschweige denn Plattenvertrag ihr Eigen nennt ganz bis an die Spitze meiner Jahres-Top-Ten gespielt: There Will Be Fireworks. Ich habe im vorletzten Jahr wohl kein Album öfter gehört als das Debüt des ursprünglich aus Glasgow stammenden Quintetts von 2009.

Denn selten hat sich in den letzten Jahren ein Album so eindrücklich, nachdrücklich und ausdrücklich in meinen Gehörgängen festgesetzt, selten ein Werk so als Einheit und ohne Ausfälle präsentiert. Alles beginnt mit dem Klicken einer Spieluhr, sanften Hintergrundklängen und einem Gedicht des britischen Autoren Kevin MacNeil, bevor die Musik, dem Titel „Colombian Fireworks“ gleich, sich gen Firmament frei bricht. Und auch die folgenden 12 Songs stehen dem Einstiegslied qualitativ ins nichts nach. Fragile, melancholische Passagen, die nur von der Stimme von Sänger Nicky McManus und (s)einer Akustikgitarre getragen werden, gehen oft nahtlos in eruptive, postrockige Ausbrüche über. Selten (oder noch nie?) hat ein Bandname eine treffendere Beschreibung der tatsächlich gespielten Musik geliefert: der Nachthimmel an Silvester, kurz vor Mitternacht. Du bist schon leicht betrunken, teils vom Alkohol, teils von den Eindrücken des alten Jahres, welche du einfach nur noch abschütteln und loslassen möchtest. Und trotzdem, und gerade deshalb, schaust du erwartungsfroh in den Nachthimmel, siehst feine Wolken deines Atems, und dem deines schottischen Kumpels, der dir tröstliche Worte in dem von dir so geliebten Akzent zuspricht, in die frostige Silvesternacht ziehen. Denn was dir trotz allem Weh und Übel immer bleiben wird, ist die Gewissheit, dass in wenigen Augenblicken ein Feuerwerk die Sterne bedecken und in den Augen der Menschen wilde Tänze vollziehen wird. Ein Feuerwerk, voller Rückbesinnung auf Altes und (Vor-)Freude auf Neues. There Will Be Fireworks.

Die Bandmitglieder Nicky McManus (Gesang/Gitarre), Gibs Farrah (Gitarre), David Maden (Bass), Adam Kletterer (Schlagzeug) und Stuart Dobbie (Piano), wohnen zwar mittlerweile an verschiedenen Orten zwischen Glasgow, Edinburgh und London, haben es glücklicherweise trotzdem, trotz seltener Proben und noch seltener Livegigs, geschafft, einen Nachfolger zum selbstgetitelten Debüt aufzunehmen, welcher in diesem Jahr erscheinen soll. Ein Vorbote in Form der „Because, Because EP“ ist wahlweise über iTunes oder die Bandcamp-Seite der Gruppe (derzeit nur noch digital) erhältlich und lässt auf Großes hoffen…

Ich sag ja immer gern: wenn die Schotten (qualitativ) so Fussball spielen würden, wie sie musizieren, dann wäre für die Glasgow Rangers oder Celtic Glasgow in der Champions League immer das Halbfinale bzw. für die schottische Nationalmannschaft immer die Endrunde (der EM bzw. WM) drin…

Zum Abschluss noch Aufnahmen der neusten Live Session von There Will Be Fireworks:

Rock and Roll.

3 Gedanken zu „Zu kurz gekommen… – Teil 1

  1. „Wise men say only fools rush in …. and I’m no fool“

    Was mit einem Rumgeklicker, von was für einem Gerät auch immer, einem „Erzähler“, dem man noch viel länger zuhören möchte und einer sich unglaublich sanft aber bestimmt aufbauenden Gitarrenwand beginnt, sich in sanfte Bläser erodiert,… – höh? das ist schon der zweite song?! Wie haben die mich denn da so reingleiten lassen?! Egal! Ich wollte, dachte, ich könnte nie wieder lieben, aber Du oller Bastard von einem Album, hast mich schon gekriegt – … wie jetzt?! Schon song #3 ?!? Ach was soll’s? Ich bin ganz Dein – …, über ein „Wee, weee sleeep through the bombs“ sich seinen Nektar schon nicht mehr vom Toast nehmen lässt, in einem agressiven, wundervoll Ehrlichem „I could have been more cautious,
    I could have been less kind,
    I should have held my tongue until I knew that it was right.“ zur auralen Ejakulation einlädt, um das Ganze mit einem „Que sera, que sera!“ „C’est la vie“ abzuschliessen, ist einfach nur ganz besonders, vor Allem, wenn das auch so unaffektiert rüber kommt. So ehrlich. So voller Leidenschaft. Voller Brillianz. Das macht Spaß zuzuhören. Das killt etliche Stunden, wenn man das Album wieder und wieder hören muss und sich dabei gar nicht seiner zeitverengenden Wirkung bewusst ist. Man bereut es dabei aber auch nicht. Man kann nicht anders als sich dem einfach kompromisslos hinzugeben, sich verführen zulassen.
    Wenn es mich eines Tages dahinraffen wird, lasse ich meinen Kopf in so ein Glas schmeißen, dass es bei Futurama gibt, nur um sicher zugehen, dass dieses Album in den Ausgaben 12/99 von Rolling Stone, NME und Konsorten auch ja einen Topplatz unter den Alben des Jahrhunderts abstaubt.

    So, genug der Lobhudelei! Aber echt ey, verdammt grosses Ding, verdammt gross!

  2. […] umjubelt, gen Perfektion. Überhaupt: Schottland! Wie bereits im Januar des vergangenen Jahres in einer der ersten Reviews überhaupt auf ANEWFRIEND erwähnt, ist das Land im Norden Großbritanniens nicht eben arm an tollen Rockbands […]

  3. […] das 2009 erschienene und bis heute – völlig zu unrecht – sträflichst missachtete selbstbetitelte Debüt nicht mehr aus ihren Ohren und Playlists bekamen. Alle anderen – Medienschaffende wie […]

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